Cholera: Seuchen auf Bali (Weck, 1937)

Below German article from 'Heilkunde und Volkstum auf Bali' (Healing and Folklore in Bali), published in 1937 by medical doctor Wolfgang Weck, Chief Government Doctor ('Hoofd-Gouvernementsarzt) in the Dutch East Indies, describes cholera and the mythological tales concerning this disease, often associated with the feared Jero Gede Mecaling on Nusa Penida. An integral English translation by author Godi Dijkman is available here.

weck heilkunde1937 coverCholera

(p.153) Die Cholera gehörte in früheren Zeiten zu einer der gefürchtetsten Seuchen auf Bali, die regelmäßig in gewissen Perioden, die man 'musim grubug', die Cholera-Saison nannte, aufzutreten pflegte. Grubug ist eigentlich mehr der Ausdruck für eine Epidemie, eine Krankheit, der viele Menschen erliegen, während Cholera als 'ngutah bayar' (Brechdurchfall) bezeichnet wird, doch hat sich der Name grubug in dieser Bedeutung eingebürgert.

Nach den balischen Berichten war die Cholera-Saison eine schreckliche Zeit: die ergriffenen Dorfer lagen still, die Bewohner schlossen bereits um 6 Uhr abends die Haustüren, und keiner traute sich mehr auf die Straße, die Märkte hatten ihren Betrieb eingestellt, überall winselten und heulten die Hunde und hörte man das Krächzen der Raben, so daß sich den Menschen vor Angst 'die Nackenhaare sträubten' wer nicht selber krank war, war mit der Pflege von Kranken oder dem Beerdigen der Leichen beschäftigt, denn Leute, die morgens noch gesund gewesen waren, trug man abends
bereits zu Grabe."

Die letzte Epidemie ist im Jahre 1915 gewesen. Früher wurde nach von Eck (1) den Baliern behauptet, daß das Auftreten der Seuche stets nach dem Besuche fremder Schiffe mit Javanen oder Holländern erfolgte, auch wenn verschiedene Personen gleichzeitig von solchen Ereignis geträumt hatten. Jacobs (2) bemerkt dazu, daß sowohl nach der Expedition gegen Bandjar (eine Ortschaft in Nordbali westlich von Singaradja) 1868, als nach Abfahrt des holländischen Kriegsschiffes 'Ardjoeno' (p.154) 1878 und einige Zeit nach der Ankunft der 'Watergeus' Cholera ausgebrochen war.

Notes: 1) II 100. v. E. schreibt hierzu: wir lernen daraus ein wie enger Verband diese Inseln zwischen Krieg und Cholera bestehen muß; 2) II 93.

Wie alle großen Seuchen gehört sie zu den durch die Dewas gesandten Plagen der Menschen. Sie kommt von der südöstlich von Bali gelegenen Insel Nusa Penida, wo im Tempel 'Pura Pééd' der schreckliche Kala 'Djro gdé mecaling (3), auch Bhatara tengahing segara (4) genannt, haust.

weck heilkunde1937 imageImage left: Vorstellung der 'Welt im Innern des Körpers'. (Zeichnungen des Baliers A. A. Gde Raï). Nähere Erläuterungan auf S. 241

Über den Ursprung des Djro gdé mecaling kennen die Balier folgende Erzählung: „In längst vergangenen Zeiten spielte Bhatara Çiwa mit seiner Gattin Dewi Uma auf dem Meere. Während des Spieles wurde Çiwa von Liebesleidenschaft zu seiner Gemahlin ergriffen und wollte sich, glühend vor Begierde, geschlechtlich vereinigen. Aber Dewi Uma fand es ungehörig, da sie auf dem Stiere (dem Reittiere Çiwas) saßen und sagte, das Erzeugnis würde ein Kala (5) werden. Aber Çiwa konnte sich nicht beherrschen und vergewaltigte Uma, die sich heftig sträubte. Dadurch geschah es, daß Sperma von Çiwa ins Meer fiel. Nach einiger Zeit war der Samen gewachsen und nahm die Gestalt eines Kala an mit langen Eckzähnen und von fürchterlichem Aussehen. Und er machte mitten im Meere ein Geschrei und Getöse und brüllte mit lauter Stimme: „Wer sind meine Eltern und wo ist meine Wohnung?" So ging es immerzu Tag und Nacht, bis schließlich von ihrem Göttersitze Bhatara Iswara, Brahma und Mahadewa herabkamen um zu untersuchen, was das für ein schrecklicher Lärm war.

Als die drei Dewas den wüsten Kala trafen, sagten sie: „He, laß den Lärm, mach' daß du hier wegkommst, wer bist du eigentlich, wer sind deine Eltern, woher kommst du, wohin gehst du? Scher dich schleunigst weiter, sonst werden wir dich totschlagen!" Auf diese Worte geriet der Kala in die größte Wut und stürzte sich auf die Drei. In dem sich entspinnenden heftigen Kampfe wurde der Kala zwar von den Dewas durch Stöße und Fußtritte überwältigt, aber sie räumten wegen der Wildheit und der Kraft des Kala doch das Feld und begaben sich zu Wisnu um ihn um zu Hilfe zu bitten, nachdem sie die Geschichte erzählt hatten. Wisnu wollte ihnen helfen und begab sich auf das Schlachtfeld, wo er den Kala antraf und seine Waffe, das 'cakra' (Rad, Wurfscheibe) nach ihm warf. Aber obwohl er das Wesen traf, hatte der Wurf nicht die geringste Wirkung, der Kala wurde nicht einmal verwundet. Nun wandte sich Wisnu an Çiwa selber, der sehr erzürnt über die Tatsache, daß seine 4 Söhne dem Kala nicht gewachsen waren, sich selbst auf den Weg machte und den Kala fragte: „Wer bist du, woher kommst du, und wohin gehst du?" Und der Kala antwortete: „Ich suche meine Eltern, ich kenne weder meinen Vater noch meine Mutter, wer mögen sie sein, wo mögen sie wohnen?" Und Çiwa sprach zu ihm: „He du, der du aussiehst wie ein Kala, komm eben her zu mir, wenn du mir erlaubst, (p.155) deine Stoßzahne abzubrechen, so verbürge ich mich, dich zu deinen Eltern zu bringen."

Notes: 3) Der Riese mit den Stoßzähnen; 4) Der Bhatara mitten im Meere, diese Bezeichnung wählt man gerne, um nicht den Namen des Gefürchteten auszusprechen; 5) Ein böser Dämon.

Dem Kala war so daran gelegen, seine Eltern zu erfahren, daß er sich zu Çiwa begab, der ihm die langen Stiftzähne abbrach (6) und sprach: „Ich bin dein Vater, und Dewi Uma ist deine Mutter, du bist wirklich mein Sohn, dem ich jetzt den Namen Bhatara Kala gebe, du sollst auf der Nusa Penida wohnen, und wenn du dich auf Bali aufhältst, soll deine Wohnung der 'Pura Dalem kayangan' sein. Ich beauftrage dich, die Menschen auf Bali zu überwachen, ob sie ihren Gottesdienst gut verrichten; wenn sie ihn vernachlässigen, so erteile ich dir die Macht, die Krankheit 'grubug' zu verursachen; auch sollst du die Fischer auf dem Meere beobachten und ihnen, falls sie Fehler bei der Arbeit begehen, Unglück bringen." Nachdem Bhatara Kala sich auf der Insel Nusa Penida niedergelassen hatte, nannten die Menschen ihn dort wegen seiner Größe einen Riesen (Djro gdé), und da seine Eckzähne auch jetzt noch viel länger waren als bei einem Menschen, Djro gdé mecaling."

Dieser Djro gdé mecaling sucht nun zu gewissen Zeiten seine Opfer, wenn die Menschen den Gottesdienst vernachlässigen. Vorher findet jedoch eine Beratung mit allen Bhataras statt, die in den verschiedenen Tempeln wohnen und verehrt werden, wobei Djro gdé mecaling seine Wünsche vorbringt und angibt, wieviele Opfer er aus jedem Orte zu fordern hat. Die Bhataras nennen die Personen, die als Opfer in Betracht kommen und welche nicht angerührt werden dürfen. Viel hängt bei der Verhandlung von der Gewandtheit ab, mit der ein Bhatara für die Interessen seines Bezirkes eintritt. Wer schlau oder geizig ist oder sich bei der Debatte gut zu wehren weiß, kann erreichen, daß in seinen Dörfern nur wenige Opfer fallen, während die Dörfer eines weniger geschickten oder eines freigebigen Bhatara das Nachsehen haben. Dadurch erklärt es sich, daß in manchen Orten die Krankheit gar nicht auftritt, während im Nachbardorfe sehr viele Menschen sterben. Will ein Bhatara während der Beratung überhaupt keine Zugeständnisse machen oder versucht er sich der Abstimmung zu entziehen, so kann er durch die Versammlung zum Zugeben gezwungen werden.

In verschiedenen Erzählungen wird geschildert, in welcher Weise den Menschen durch die Boten des Bhatara Tengahing Segara oder ihn selber die Krankheit beigebracht wird. Nachdem die Anzahl der Opfer in bestimmten Dörfern in der Versammlung festgelegt ist, werden die Boten in Gestalt der 'beregala' (Bhutas und Bhutis) ausgesandt, um sich auf die Opfer in den entsprechenden Dörfern zu stürzen. Der Chef der Beregalas begleitet sie mit einer Liste der Menschen, die als Opfer auserwählt sind. Außerdem wird jeder, der von ihnen nachts auf der Straße getroffen wird, mit einem Haumesser geschlagen. Die Beregalas bewegen sich wie eine wogende Masse fort, wobei sie Fackeln, Haumesser, Hacken, Reiswannen, Stricke usw. mit sich führen. In den betreffenden Dörfern angekommen, (p.156) beginnen sie in unsichtbarer Gestalt ihre Opfer zu suchen, denen sie den Bauch zerhacken und den After zupfropfen, so daß den Ärmsten der Bauch aufschwillt und sie heftige Schmerzen leiden.

Notes: 8) Die abgebrochenen Stücke werden von Çiwa mitgenommen und später als Waffen (genannt 'Kaladang-astra') gebraucht.

Inzwischen ziehen die Beregalas weiter und beschäftigen sich auf dieselbe Weise mit den anderen auf der Liste stehenden Personen. Nach einiger Zeit kehren sie dann wieder zurück und ziehen zugleich mit dem Pfropfen die Seele aus dem After. Die Betreffenden bekommen nun heftigen Brechdurchfall mit Blutabgang und einem Stuhlgang wie 'gehacktes Fleisch' und sterben. Da man die Krankheitsbringer nicht sehen kann, werden sie auch mit einem Winde verglichen, der die Krankheit mit sich führt (vgl. die Erzählung von den Durghas, S.133).

Nach einer anderen Darstellung geht der Djro gdé mecaling selbst auf die Suche nach Opfern. Da er von riesenhafter Gestalt ist, soll man in Cholerazeiten auf der Erde schlafen (um nicht so leicht entdeckt zu werden), auch soll man nachts zwischen 7 und 12 sein Haus nicht verlassen, weil er in der Zeit unterwegs ist. Angst und Furcht vor dem Riesen führen in Cholerazeiten leicht zu Sinnestäuschungen und phantastischen Erzählungen, wie aus folgendem Berichte hervorgeht.

"Während der Cholera-Saison befanden sich 3 Knaben als Viehhüter auf einem Felde. Plötzlich sahen zwei von ihnen einen großen Mann (wie ein 'barong landung') (7) auf sich zukommen, so daß sie voller Angst wegliefen und sich versteckten. Als sie nach Gefährten Ausschau hielten, der den großen Mann nicht bemerkt hatte, sahen sie, daß dieser ihm gerade den Hals abschnitt und dann den Platz verließ. Ganz in der Nähe waren eine Menge Leute mit der Reisernte beschäftigt, die nichts weiter gesehen hatten, als daß die beiden Jungen plötzlich wegliefen. Auf ihre Frage, wovor sie so eilig geflüchtet seien, fragten die Jungen: „Habt ihr denn nicht den großen Mann gesehen, der unserm Gefährten mit einem Säbel den Hals abgeschnitten hat?" Dasselbe fragten sie den Jungen selber, der weder etwas gesehen noch gefühlt haben wollte, aber zu gleicher Zeit heftige Bauchschmerzen bekam und den Hüteplatz verließ. Zu Hause angekommen, bekam er heftigen blutigen Durchfall und Erbrechen und starb bald darauf."

Es ist nach allem was oben über die der Seuche voraufgehende Beratung der Bhataras gesagt wurde für die Dörfer wichtig, ihre lokalen Dewas günstig zu stimmen, damit sie den Djro gdé mecaling davon abbringen, sich dort seine Opfer zu holen. Man bringt ihnen Opfer und nimmt außerdem noch allerlei Abwehrmaßregeln gegen den gefürchteten Riesen. Im Tempel werden durch den Pemangku (8) den zu den Göttern Betenden Talismane verkauft, die z. B. in Gestalt eines kepengs an dreifarbigem Bande um den Arm oder den Hals getragen werden müssen; die Wege zu den Dörfern werden durch Dornverhaue gesperrt, vor den Türen der (p.157) Häuser errichtet man einen sanggah cukcuk (9) auf dem ein Fähnchen mit der Zeichnung eines krankheitwehrenden Zaubers (Sang Ganapati) steckt, während man an seinem Fuße ein mit einem mantra beschriebenes Pandanuß-Blatt vergräbt und ein Huhn mit ausgespannten Flügeln an die Mauer nagelt, damit der Kala dessen Blut trinken kann.

Notes: 7) Eine balische Darstellung des "Barong landung" bringt II 113 in dem Artikel von Bonnet auf S. 60; 8) Tempelwächter, Abgesandter der Dewas, der die Talismane angeblich im Auftrage der Dewas verkauft.

Um nicht durch die Stille des Dorfes den Eindruck der Furcht zu erwecken, werden Schauspiele veranstaltet, wie Sanghyang djaran (Pferdespiel) und Sanghyang Dedari (Nymphenspiel bzw. -tanz) und bringt die bekannten und dafür geeigneten Personen in Trance-Zustand ('Sanghyang', wobei angenommen wird, daß der Betreffende durch einen Dewa besessen ist).

weck heilkunde1937 image157Image right (20). Die Beregalas auf ihrem Zuge durch die Dörfer (Zeichnung des Baliers A. A. Gdé Rai)

Verfügt das Dorf über einen 'barong' (10), der als besonders 'mächtig' angesehen wird, so führt man ihn 5 Tage lang in großem Aufzuge umher, um die Beregalas zu verjagen.

Ein besonderer Brauch ist in manchen Gegenden das sogenannte 'nékték' (irgendeinen Gegenstand durch Schlagen usw. zum Tönen bringen). „In solchen Falle treten plötzlich einige Leute auf und beginnen mit allen möglichen Gegenständen zu 'nékték', andere folgen, und es werden je länger desto mehr, bis schließlich Hunderte von Männern, Frauen und Kindern aus den Häusern strömen, die Trommeln, Gongs, Bambusstangen, Küchengeräte usw. bearbeiten und mit Gesang und Tanz durch das Dorf ziehen. Junge Mädchen, die gerade am Kochen oder Weben sind, lassen alles im Stich und laufen (p.158) mit ihren Kochtöpfen oder Webgerätschaften nach draußen, wer auf dem Felde am Pflügen ist und hört das nékték, läßt seine Zugtiere stehen, nimmt die Pflugschar auf die Schulter und schließt sich dem Zuge an, der manchmal viele Kilometer weit bis zu andern Dörfern zieht, ohne daß die ekstatische Menge Ermüdung oder Hunger und Durst empfindet. Man nennt dies 'gerédag' und alles geschieht einem Wunsche des Bhatara im Pura 'Mastjéti' entsprechend zwecks Abwehr der grubug."

Source

  • Weck, Wolfgang - Heilkunde und Volkstum auf Bali; Mit 27 Abbildungen, Ferdinand Enke Verlag Stuttgart, 1937

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